Erdbeerverkäufer

Der folgende Text wurde zuerst auf LinkedIn veröffentlicht. Der Vollständigkeit halber veröffentliche ich ihn auch hier:

Was zuvor geschah (auch bekannt als: Kontext):
Nach 21 Jahren als Illustrator/Concept Artist/Art Director ist die Liebe für das Berufsfeld verschwunden. Ich entschied mich, noch einmal etwas Neues zu lernen. Im September nehme ich das duale Studium „Beratung für Bildung, Beschäftigung und Beruf“ an der HdBA Schwerin/der Bundesagentur für Arbeit Berlin auf. Ich habe mich gegen Wirtschaftsinformatik und gegen Verwaltungsinformatik entschieden.
Seit Januar bin ich arbeitslos. Ich wollte die Zeit bis zum Studienbeginn nutzen, um Fantasy-Romane zu lesen, in der Sonne zu liegen und Fahrrad zu fahren. Außerdem wollte ich in Teilzeit in etwas völlig Fachfremdes hinein schnuppern.
Nach erfolglosen Bewerbungen bei Einzelhändlern habe ich eine Stelle als Erdbeerverkäufer gefunden. Seit dem 30. April verkaufe ich also regelmäßig Erdbeeren.

Im Mai habe ich an 21 Tagen gearbeitet, war außerdem 7 Tage krank. Nach Abzug der Krankentage waren noch 154 Stunden Arbeitszeit geplant. Tatsächlich gearbeitet habe ich 96 Stunden und 28 Minuten. Geplant war ein Lohn von 2156 € (AN-brutto), tatsächlich sind es 1302,22 € (AN-brutto).
Die Diskrepanz entsteht, weil die Schicht endet, sobald alle Erdbeeren verkauft sind. Häufig war eine Schicht von 6 Stunden und 15 Minuten geplant. Doch als ich meine Schicht antrat, waren nur noch Erdbeeren für eine Stunde Verkauf übrig.
Die Lohnschätzung beruht auf 14 €/h. Tatsächlich erhält man 13 €/h, 1 €/h zusätzlich ist ein Bonus, den man sich verdienen kann. Ein Kriterium dafür ist, dass mindestens 50 % aller Verkäufe via EC-Karte bezahlt werden. Wenn Leute lieber bar zahlen, bekomme ich keinen Bonus. An der Hälfte aller Tage bekam ich den Bonus.

Nach einem Monat als Erdbeerverkäufer hier mal ein paar Beobachtungen und Gedanken:

Mir macht die Interaktion mit den Kund:innen Spaß. Liegt natürlich auch daran, dass fast niemand griesgrämig an den Stand kommt, sondern sich alle freuen, dass es Erdbeeren gibt. Das macht es einfach.
Man hört teils die Kinder von Weitem schreien: „Die Erdbeere hat auf.“
Kinder erstrahlen generell, vor allem auch, wenn sie einem begeistert vom Erdbeerdöner erzählen und/oder wenn man ihnen einen Erdbeer-Luftballon schenkt.
Starke junge Männer sagten mal: „Ey Bruder, guck mal Erdbeeren. Wie geil, Erdbeeren. Komm, lass uns Erdbeeren kaufen.“
Zwei Briten teilten sich 5,50 € für 500 Gramm Erdbeeren, gaben mir dann aber 3 € Trinkgeld, obwohl ich ihnen leider nicht sagen konnte, wo man Weed kaufen kann.
Zwei Seniorinnen taten sich spontan zusammen, um sich 500 Gramm Erdbeeren zu teilen, weil jede eigentlich nur 250 Gramm wollte.
Eine 94-jährige Frau erzählte mir von ihren Erinnerungen an den Krieg und warum sie nur mit Bargeld zahlt, solange das noch möglich ist.
Zwei Mitte-80-jährige Frauen gönnten sich frische Erdbeeren, nachdem sie gerade vom Sport kamen, und freuten sich sichtlich, dass ich meinte, sie sähen keinen Tag über 60 aus.

Es sind aber nicht alle Interaktionen schön, einfach oder freudig.
Ein Betrunkener versuchte, zu mir in den Verkaufsstand zu kommen, und war dabei nicht zimperlich.
Ich wurde mit Hartgeld beworfen, weil die Erdbeeren so teuer sind.
Eine Kundin meinte lächelnd zu mir: „… ach, Sie müssen morgen am Feiertag auch hier stehen? Ja, hätten Sie mal was Besseres gelernt, dann hätten Sie morgen auch frei.“
Mir tun die Menschen leid, die ich regelmäßig ins Ungewisse vertrösten muss. Ihre Rente reicht nicht aus, um sich Erdbeeren zu diesem Preis leisten zu können.
Als ein Senior mir erzählte, dass seine Frau seit Kurzem dreimal zur Dialyse muss und er gerade lernt, damit umzugehen, konnte ich ihm nur mein Ohr leihen. Liebenswert erzählte er mehr von den schönen Erinnerungen, den vielen Kurzreisen seit der Frührente, den guten Zeiten – anstatt sich aufs Negative zu konzentrieren.
Ein älterer Herr antwortete, als ich fragte, ob er eine Tüte für die Erdbeeren benötigt: „Ja, das macht Sinn. In der Tasche hier sind noch wichtige Papiere, die dürfen nicht dreckig werden. Das ist der Einlagerungsvertrag für meine Frau im Krankenhaus. Sie hat nur noch ein paar Wochen.“ Und dann brach er in Tränen aus.

Abseits vom Zwischenmenschlichen finde ich es erstaunlich befriedigend, meinen kleinen Erdbeerverkaufsstand ordentlich zu halten. Kehren, Ablagen putzen, Auslage voll halten, Schilder malen, … fühlt sich gut an.
Das digitale Kassengerät möchte ich allerdings an den meisten Tagen in die Tonne treten. Eingaben werden verzögert aufgezeichnet, das Gerät stürzt mindestens einmal am Tag ab. Die erste Buchung nach Schichtwechsel muss immer abgebrochen werden, erst dann wird der korrekte Preis genommen. … Ich hasse dieses Gerät.
Arbeitsvorschriften, die ich nicht mag, beeinflussen meine Wahrnehmung der Arbeit deutlich negativ. An Tagen, an denen die Begeisterung für den Job eher verloren ging, war mein Impuls immer: „Okay, was mache ich als Selbstständiger als Nächstes? Ich will mehr Kontrolle haben darüber, wie ich arbeite, was ich tun muss, um die Arbeit zufriedenstellend zu gestalten, was kann ich tun, um mehr zu verdienen?“ Dieser Impuls, die Dinge in die Hand zu nehmen, der mich ja auch in der Selbstständigkeit stets begleitete, ist auch jetzt noch da.

Ich hatte mir vorgenommen, den Job mindestens einen Monat zu machen und dann zu schauen, ob ich es weiter mache. Auch wenn ich das Geld nicht benötige, merke ich, dass es mir nicht leichtfällt, mit dem Gedanken zu spielen, den Job nicht zu machen. Das alte Denkmuster „Wenn Arbeit da ist und man arbeiten kann, dann arbeitet man“ ist immer noch da und stark. Die Hemmung, jetzt doch wieder die Füße baumeln zu lassen und die Zeit bis zum Studienbeginn zu genießen, ist groß.
Allerdings merke ich, dass ich meine Tage um die Arbeit herum plane. Wenn eine Nachmittagsschicht kürzer ausfällt als geplant, dann freue ich mich nicht, sondern ärgere mich. Auch weil dann der „Kosten-Nutzen“ der Tagesarbeit für mich geringer ausfällt. Dementsprechend werde ich, falls ich weitermache, wahrscheinlich nur noch Frühschichten machen.
Ich habe noch mehr Anekdoten, Gedanken und Reflexionen, aber der Beitrag ist schon lang genug. Daher jetzt mal Ende. Thx for reading. Bis zum nächsten Update.

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