Ende der Erdbeersaison

Was zuletzt geschah (Kontext):
Seit dem 30. April habe ich am Erdbeerstand gearbeitet – erst Spätschichten (13 – 20 Uhr), ab Juni dann Frühschichten (5:45 Uhr – 13Uhr). Vier Monate Erdbeerverkauf sind nun vorbei. Zeit für einen Rückblick.

Arbeitsalltag:
Um 4:30 Uhr aufzustehen ist nicht schön, aber für mich überraschend machbar. Um 14Uhr zuhause zu sein und zu wissen, dass die Arbeit für den Tag geschafft ist, ist hingegen sehr angenehm. Das bestätigte nur, was ich früher schon über mich selbst gelernt hatte: Ich arbeite gerne früh morgens weg. Gegen 15 Uhr habe ich immer einen Durchhänger.
Schön an der Arbeit am Erdbeerstand war auch, dass ich zuhause kein bisschen darüber nachdenken musste. Da wurde keine Arbeit gedanklich mit nach Hause genommen – abgesehen von der Frage “Wo bekomm ich mein Kleingeld für morgen früh her?”.
Dadurch konnte ich nachmittags einfach entspannen: mit dem Hund spazieren gehen, Bücher lesen, zocken, Sport machen, kochen, schreiben, Musik machen.

Mindestlohn reicht zum Überleben, wenn man seinen Lebensstandard klein hält und gesund ist. Wir haben kein Auto, keine Kinder, keine teuren Hobbies, keine Laster, keine sonstigen teuren Kosten. KindleUnlimited & die Bibliothek haben mir ermöglicht mehr Bücher zu lesen, als ich mir hätte leisten können.

Die Menschen, die ich getroffen habe
Es bleiben viele nette Kontakte, nette Gespräche und überwiegend positive Eindrücke. Ich lernte einen aus Brasilien via Portugal immigrierten Security-Mitarbeiter kennen, der zwar nie Erdbeeren kaufte, aber immer auf dem Nachhauseweg war, wenn meine Frühschicht begann. Wir quatschten über brasilianische Namensgebung, welche Stadt in Deutschland er nicht besonders mag (Mannheim), wie die Arbeit als Security-Mitarbeiter so ist und wie er mit dem Schichtdienst klarkommt.
Eine Frau, die ihre gesamte Karriere bei der Arbeitsagentur verbracht hatte und seit fünf Jahren in Rente ist, wollte mich davon abbringen, zur Arbeitsagentur in die Leistungsabteilung zu gehen.
Ich traf Menschen, die kurz- und langfristige Partner verloren hatten, teils nach langer Krankheit, teils plötzlich. Nicht jede Person, aber viele waren offen und dankbar für eine Umarmung.
Die Vielfalt der Kunden war beeindruckend: Eine Frau kaufte jede Woche 1 kg Erdbeeren für ihre Sittiche. Ein Mann kaufte Erdbeeren für seinen Hund. Ein weiterer Mann kaufte täglich ein bis zwei Kilogramm Erdbeeren für seine Frau – er hingegen ist allergisch auf Erdbeeren.
Viele kauften Erdbeeren als Geschenk: für Eltern, Freunde, Besuche, für die Physiotherapeuten, die Mitarbeiter der Zahnarztpraxis, für Schüler, für Lehrer.
Ich traf Kunden abseits des Erdbeerstandes als Ärztin beim MRT, an der Kasse bei Aldi, als Busfahrer, als Briefträger. Ein Kunde stand nach meiner Schicht neben mir beim naheliegenden Bäcker und wir beide schwärmten für fünf Minuten wie verdammt gut der Kuchen von diesem Bäcker ist.

Zur Hochzeit der Saison verkaufte ich an einem Tag beinahe 400 kg Erdbeeren. Täglich hatte ich 200+ Kundenkontakte, die oftmals natürlich nur ganz kurz waren. Manche Kund:innen kamen wenn sie mich sahen am Stand vorbei, nur um mir etwas Trinkgeld da zu lassen. Viele grüßten mich täglich auch ohne Erdbeeren zu kaufen. Und zwei kam irgendwann nur vorbei um mir stolz ihre Enkel vorzustellen.

Die schwierigen Momente
Es ist schwer, nicht zu werten. Die junge Frau mit frei laufendem Kleinkind, Kleinkind im Kinderwagen, Kugelbauch der Schwangerschaft, Vape und Energydrink in der Hand. Eltern, die in der Schulferienzeit mit ihrem jungen Sohn früh vor 7 Uhr an den Kiosk gehen – beide mit Bier zurückkommen und das Kind mit Energydrink. Der Vater, der sein Vorschulkind auf einem 3-Rad-Roller hinter sich herzieht, Vater aufs Handy starrend, Kind aufs Handy starrend.
Es gab Kunden, die schon von weitem so sehr nach Zigaretten stanken, dass es mir schwerfiel, freundlich an sie Erdbeeren zu verkaufen. Ich finde den Geruch von Zigaretten so unglaublich widerwärtig.
Dazu kommen Interaktionen die nicht einfach waren. Es gab einen Tag, an dem eine Kundin mir eine 500-g-Schale um die Ohren feuerte, nachdem ihr die Erdbeeren nicht gefielen. Aus keinem besonderen Grund ging mir das an diesem Tag nahe. Am gleichen Tag kam dann eine Frau die das Gespräch begann mit: „Wie sondieren Sie eigentlich die Gesinnung Ihrer Kund:innen?“ – und erklärte dann, es sei ihr gutes Recht, gegen Ausländer zu sein. Und meine schlechte Laune war weggeblasen durch Wut und Verärgerung.
Mir taten Leute leid, die regelmäßig an den Stand kamen, um nach Angebotspreisen zu fragen oder um zu fragen, ob ich kleinere Schalen oder günstigere Preise machen könnte – überwiegend Senioren. Es gab eine Mutter, die regelmäßig ihren Sohn zur Haltestelle hin und von der Haltestelle abholte. Anfangs fragte der Junge regelmäßig, ob sie sich Erdbeeren kaufen würden, und wurde vertröstet. Über die Wochen hinweg wurden die Nachfragen weniger, und am Ende fragte er gar nicht mehr.

Berliner Momente
Ein junger Mann lief Apfel essend mit Kippe hinterm Ohr, nur in Boxershorts, am Stand vorbei durch den Regen zur U-Bahn. Eine junge Frau legte ihr Handy in ihrer Bauchfettfalte ab, um sich den Schuh zu binden. Vater humpelt, weil linker Fuß in Gips, Mutter humpelt, rechtes Knie geschient, kleine Tochter zwischen beiden läuft mit beiden Armen in Gips einen Fußball tragend. Eine Frau nutzte ihren USB-Ventilator kurz … unter dem Rock. Fünf Welpen stimmten ein zum Gesang einer Sirene und sangen noch lange nachdem die Sirene weg war.
Nur weil man die Bausteine eines Instagram-tauglichen Outfits hat, ist der Look noch nicht garantiert. Weiße Sneaker, Anzughose, weißer Stoffgürtel, Poloshirt, Baseball-Jacke, Sonnenbrille, fesche Mütze. Fette Plauze, die Hose sitzt extrem tief und das Poloshirt ist french tucked in die Unterhose.
Man kann als Frau eine Wassermelone auch im Dekolleté tragen, wenn die Oberweite ausreicht.
In meinen Stand wurde (vielleicht) eingebrochen, doch das einzige, was genommen wurde, war die Tafelkreide, die man braucht, um die Preisschilder zu beschriften.
Auch Polizisten parken ihr Auto gerne mal auf dem Fahrradstreifen um kurz rauszuspringen und sich Erdbeeren zu kaufen.

Die häufigsten Fragen
“Welche sind die schönsten Erdbeeren?” – Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Sagen Sie’s mir.
“Sind die auch süß?” – Laut Handbuch sind alle Sorten, die verkauft werden, süß. Ich probiere die Erdbeeren selbst nicht täglich.
“Wo kommen die her, von welchem Feld?” – Die Info bekomme ich leider nicht.
“In der DDR haben die Erdbeeren besser geschmeckt.” – Uhm.
“Haben Sie auch Kirschen?” – Nein. Es ist ein Erdbeerstand. Sieht man auch an der Form des Standes.
“Können Sie wenn Sie hier arbeiten wenigstens Erdbeeren essen?” – Wenn ich sie mir kaufe, dann darf ich das, ja. In meiner Pause.
Haben Sie auch Ihr Abitur gemacht? Wie wars? – Ja, aber das ist schon ne ganze Weile her. War OK.

Was als nächstes kommt
Am Sonntag fahre ich nach Schwerin, denn im September beginne ich das duale Studium “Beratung für Bildung, Beschäftigung und Beruf” an der HdBA Schwerin/der Bundesagentur für Arbeit Berlin. Die Erdbeersaison war ein interessanter Ausflug zwischen alter und neuer Karriere – ich bereue es nicht das gemacht zu haben. War cool, war lustig, war interessant – ist aber auch ok dass es jetzt vorbei ist.

Thx for reading. Ende der Erdbeersaison.

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