Studium: 1. Theorietrimester – Halbzeit

Heute hatten wir nur eine Veranstaltung (IT-Intro), eine Kommilitonin lud mich zum selbstgemachten Borschtsch-Essen ein, die Sonne scheint – ein beinahe veranstaltungsfreier Tag. So aber leider eher die Ausnahme.

Halbzeit.
Zwei Monate sind rum, die Hälfte des ersten Theorietrimesters im Studiengang „Beratung für Bildung, Beschäftigung, Beruf“ an der HdBA Schwerin ist geschafft. In fünf Wochen schreiben wir bereits die erste von sechs Klausuren. Die sechste und letzte Klausur schreiben wir am 22.12.

Perspektive aus dem Studium:
Das Beitragsbild dieses Updates ist eine Collage der meisten unserer Wochenstundenpläne (Rot: Vorlesungen, Grün: Seminare, Orange/Braun: Freiwillige Lerngruppe Mathe Brückenkurs).Wer sie sieht, versteht, warum man von Routine kaum sprechen kann. Keine Woche gleicht der anderen: mal Veranstaltungen von 8 bis 19 Uhr, mal halbe Tage, mal Leerlaufblöcke mittendrin. Das “Studium” sollte man ehrlicher als “Schule mit Anleihen ans Wechselschichtmodell” bezeichnen.

Unser Rhythmus ähnelt dem eines Herzkranken, der Stundenplan ist ein sorg- und – wie wir hörten – sehr mühsam händisch zusammengesetzter Flickenteppich. Und während wir in einer Vorlesung von den Aufmerksamkeitsherausforderungen monotoner Arbeit hören, fallen mir in der dritten Reihe genau dann die Augen zu. Habe ich schon erwähnt ,dass wir auf Stühlen mit kleinen suspekten Klapptischen sitzen, in denen man sich teils fühlt wie ein Kleinkind im Hochstuhl!?

Merkt man, dass meine Stimmung nicht großartig ist? Die Jahreszeit hilft auch nicht. Sonnenuntergang um 16:34 … bah.

Ich habe vor allem in den letzten Tagen Kommiliton:innen gefragt, wie sie das Studium bisher finden. Die Antworten waren so vielfältig, wie man es erwarten würde:
„Joah. Das Feiern macht echt Spaß.“
„Ich bin müde.”
„Ich bin überfordert. Ich steh kurz vor einem Zusammenbruch. Kennst du die Nummer vom psychologischen Dienst?“
„Ja. Ich muss halt mal anfangen.“
„Steeeeveeeen, hast du den Text gelesen? Sag mir, was drinsteht. Biiitte.“
„Oh mein Gott, ich komm gar nicht hinterher! Ich hab noch nie eine Prüfung versemmelt, ich muss noch VWL nacharbeiten, ich bin eine Woche zurück, ich will mindestens eine Eins schreiben – in jedem Modul!“

Ich habe gehört, es gäbe jemanden, die begeistert vom Studium ist – getroffen hab ich diese Person allerdings selbst noch nicht. Ich bin mir nicht sicher, ob es sie wirklich gibt oder ob das von ChatGPT erfunden wurde. Slightly sus.

Es ist nicht der Stoff. Es ist das Format. Jede Vorlesung raubt mir Energie, die ich eigentlich bräuchte. Ich kann noch so motiviert zum Campus kommen – mehr als einmal ging ich mit dem Gedanken hinaus: Das wars. Ich kündige.
Oder um es mit den Worten aus VWL-Mikro zu formulieren: Der abnehmende Grenznutzen der Vorlesungsteilnahme macht jede zusätzliche Investition an Aufmerksamkeit wirtschaftlich fragwürdig. Das Haushaltsoptimum liegt möglicherweise außerhalb des Hörsaals.

Aus den “Seminaren” nehme ich so viel wie möglich mit. Ich arbeite aktiv mit, dominiere teils die wenige Zeit, die wir für Fragen haben, sodass ich mich schlecht fühle (ohne Not, wie mir gesagt wurde. Manche Kommilitonin ist froh, nie was sagen zu müssen). Und ganz generell, ohne meine Kommiliton:innen würde ichs nicht durchhalten.

Ansonsten hält mich meine Selbstdisziplin bei der Stange. Die Empathie mit meinem zukünftigen Selbst, dass es mir hoffentlich danken wird. Denn alle sagen: “Das erste Trimester ist nicht repräsentativ, danach wird’s besser.” Wann genau „danach“ beginnt, hängt allerdings davon ab, wen man fragt – von „im ersten Praxistrimester“ bis „in sieben Jahren, wenn ihr Verantwortung übernehmt“ ist alles dabei.

Ich lese Bücher. Fantasyromane, klar, wer mich kennt, weiß, dass die nicht fehlen dürfen. Aber auch Bücher über Product Value Design, Continuous Discovery Habits, Project Management … – was mich halt so interessiert.
Ich nutze die Zugänge zu Verlagsdatenbanken, die wir durch die Uni-Bibliothek haben, um zu interessanten, klausur-irrelevanten,Themen zu lesen wie z.B. der Bildungsrendite.
Ich experimentiere mit KI-Tools, um Lernhilfen zu erstellen, die ich dann meistens gar nicht selbst nutze, aber an andere weitergebe. Und ja, ich habe recherchiert, ob ich privat finanziert Module an einer Fernuni absolvieren könnte, nur um mir Inhalte anrechnen zu lassen und nicht in jeder Vorlesung sitzen zu müssen. Leider herrscht aber auch für angerechnete Module Präsenzpflicht.

Mittlerweile habe ich beschlossen, dass das Wochenende wieder ausschließlich mir und meiner Familie gehört. Unter der Woche nehme ich mir die Zeit, die ich brauche, um klarzukommen. Falls es für die Klausuren reicht – super. Wenn nicht, dann nicht.

Fazit: Durchhalten. Noch. Und warum eigentlich?
Noch bleibe ich dabei. Aus Dickköpfigkeit, Selbstdisziplin, weil die Kommiliton:innen super sind. Weil die Inhalte eigentlich alle das Potenzial haben total interessant zu sein (naja, außer VWL Makro. Sorry, Prof – es liegt nicht an Ihnen. Makro ist einfach nicht meins.)
Hoffentlich stellt sich in Zukunft wirklich heraus dass es nur das erste Theorietrimester ist, das so suckt.

P.S.: Ich weiß, dass ich in einer privilegierten Position bin: mit Ersparnissen, Erfahrung, Selbstvertrauen. Viele meiner Mitstudierenden haben das nicht. Für sie ist das Studium gefühlt „alles oder nichts“, Sicherheit steht weit im Vordergrund.
Meine Werte sind dagegen selbstverwirklichungsorientiert: Abwechslung, Autonomie, Besserung, Empowerment, Fairness, Freude, Gemeinwohl, Menschlichkeit.
Deswegen sind meine Perspektiven, Ansichten, Anforderungen wirklich nur die meinen.

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